Ich heiße Schröder.Ich finde, dieser Name passt zu mir. Besser jedenfalls als der Name, den man mir im Tierheim gegeben hatte - dort hieß ich „Crash“… was für ein unpassender Name!Als ich in mein neues Zuhause kam, gab es da schon eine schwarze Katze, die eine ziemliche Zicke war. Aber ich fange mal ganz von vorne an.Im September 2013 war ich mit vielen anderen Katzenkindern in einem Zimmer im Tierheim Recklinghausen untergebracht. Hat ein bisschen genervt – ich war ja schon ein halbes Jahr alt, und außer meinen Wurfgeschwistern waren alle anderen viel jünger. An Ruhe war da kaum zu denken. Deswegen hab ich mich immer etwas im Hintergrund gehalten – auch wenn Besucher kamen. Allerdings kam auch niemand, bei dem ich hätte wohnen wollen. Bis eines Tages eine Frau mit ihrer besten Freundin und deren drei Kindern kam. Zuerst dachte ich, „Och neee nicht schon wieder so viel Rabatz!“. Sie kam dann auch mit den Kindern in unser Zimmer. Die anderen Kätzchen rannten natürlich gleich hin, aber ich blieb hinten auf meinem Platz auf dem Kratzbaum sitzen.Und dann geschah etwas, was ich toll fand. Die Frau schickte die Kinder raus und setzte sich ganz ruhig auf die Fensterbank. Sie lockte nicht, sie redete nicht, sie wartete einfach ab. DAS fand ich klasse und lief zu ihr rüber – diesen Menschen wollte ich mir mal genauer ansehen. Und als wir uns das erste Mal in die Augen schauten, wusste ich – jaaaaa DA will ich hin. So schnell ich konnte, krabbelte ich an ihrer Jeans und Jacke hoch, legte meinen Kopf an ihre Schulter und konnte gar nicht aufhören zu schnurren. Was soll ich sagen – beiderseits Liebe auf den ersten Blick. Damit nicht genug – sie sagte nicht einfach zu den Tierheimleuten „Den will ich haben“, sondern hat mir erstmal ganz in Ruhe erzählt, dass bei ihr schon eine erwachsene Katze wohnt, die es schwer gehabt hatte und deswegen öfter mal rumzickt, aber dass sie für dieser Katze einen Spielkameraden sucht und ob das für mich ok wäre. Klar war das ok!!! Am liebsten wäre ich sofort mitgekommen. Aber ich sollte erst noch mal entwurmt werden. Iiiiiiiigitt… ich hasste es!Drei Tage später war es dann soweit. Ich war sooo aufgeregt! Da machte es mir auch nix aus, in die enge Transportbox gesperrt zu werden. Als wir dann an meinem neuen Zuhause ankamen, ließ mein neues Frauchen mich erst mal in der Box. Fand ich zuerst gar nicht gut – aber als dann die Katze, die dort schon wohnte, ankam und mich durch die Gitter der Box erst mal anbrummte, war ich doch ganz froh, dass sie nicht an mich rankam.Mama stellte dann die Box in ein Zimmer, das sie „Küche“ nannte, und ließ mich dort raus. Da war alles, was ich brauchte. Sie setzte mich zuerst aufs Katzenklo – keine Minute zu früh! Dann schaute ich mich um. Futter, Wasser, ein Bettchen mit zwei Kuscheltieren, ein kleiner Kratzbaum und eine Kratzpappe… alles da. Sie blieb auch erst mal bei mir – ließ mich in Ruhe, aber war einfach da. Das hat mich schon beruhigt, weil ich die andere Katze durch die Türe brummen hören konnte. Nach einer Weile war ich soooooooo müde und musste erst mal mein Katzenbettchen einweihen. Hach das war sooo kuschelig! Ich hab mich an den Teddy gekuschelt und bin sofort eingeschlafen. Ich hab mitgekriegt, dass Mama immer mal gucken kam, ob es mir gut ging, und auch ansonsten war alles gut. Ich hatte Gelegenheit, ganz in Ruhe anzukommen.Abends ging Mama dann in ihr Bett, nachdem sie mich versorgt und auch geknuddelt hatte. Ich hab es von der ersten Sekunde an geliebt, mit Mama zu schmusen, und daran hat sich bis heute nichts geändert.Als Mama dann eingeschlafen war, kam die andere Katze an und hat mir durch die Küchentür erst mal erklärt, wie die Dinge ihrer Meinung nach hier zu laufen haben. 1. Die erste halbe Stunde abends in Mamas Bett gehört ihr. Na von mir aus… 2. Sie bekommt zuerst Leckerchen. War ok, ich bin geduldig, und ich hatte genug Vertrauen zu meinem neuen Frauchen, dass ich mit nichts zu kurz komme.3. Wenn sie Lust hat, mit Mama zu schmusen, muss ich warten, bis sie fertig ist. Okay – Mama hat genug Liebe für das Kuscheln mit zwei Katzen.4. Ihr Kratzbaum ist der graue – meiner ist der helle. Als wenn die Farbe eine Rolle spielt – vom Aufbau her waren sie gleich.Naja eben alles, was bekräftigt, dass SIE die Nummer eins ist. Aber weil Mama mir ja erklärt hatte, dass diese Katze, die sie Julchen rief, es früher schwer gehabt hatte, hab ich sie gelassen. Ich hab also alles problemlos akzeptiert.Als Mama am nächsten Morgen in die Küche kam, ist Julchen schnell durch die Tür geschlüpft und hat mir gesagt, dass sie nix dagegen habe, wenn ich mir jetzt die restliche Wohnung anschaue. Natürlich unter ihrer Aufsicht. Mir gefiel mein neues Zuhause supergut. Julchen und ich haben uns recht schnell aneinander gewöhnt. Sie war – und ist - zwar eine ziemliche Zicke, aber wir haben uns auf eine friedliche Koexistenz geeinigt. Ich belästige sie nicht mit meinem Spieltrieb, dafür haut sie mir nicht dauernd auf die Nase, wenn ich ihr unbeabsichtigt zu nahe komme.Das hat sie echt geschickt eingefädelt – ich begann zu wachsen. Und ich wuchs und wuchs und wuchs. Jetzt bin ich viel viel größer als sie… Klar könnte ich die Dinge jetzt umdrehen, aber ich bin ein sozial eingestellter Stoiker – wäre mir viel zu anstrengend. Nach zwei Wochen packte Mama mich wieder in die Box. Ich dachte schon, ich hätte was falsch gemacht und sie würde mich wieder zurück ins Tierheim bringen. Aber sie fuhr ganz woanders hin. Da war so ein Mann, der guckte mir ins Mäulchen, steckte mir was in den Po und hielt was Kaltes an meinen Bauch. Das war ja schon doof – aber dann hat er mich ins Vorderbein gepiekst, und ich wurde sooo müde… Als ich wieder wach wurde, hatte ich ein komisches Plastikding um den Hals, und mir tat untenrum alles weh. Mama nahm mir das Plastikdingen am nächsten Tag ab, und ich schaute gleich nach, was da los war. War alles silbern! Ich hab zuerst gedacht, sie hätt mein Gemächt versilbern lassen, aber dann musste ich feststellen, dass ich gar kein Gemächt mehr hatte!!! Boah war ich sauer! Ich hab Mama zwei Tage lang ignoriert. Aber irgendwann hab ich mich dran gewöhnt, und alles war wieder gut.Nur hatte ich immer noch niemanden zum Spielen. Also hat Mama sich kurz mit Julchen abgesprochen, hat mich gefragt, ob ich lieber einen Kumpel oder eine Kumpeline hätte und fuhr los. Einen zweiten kleinen Kater holen. Sie fand ihn bei einer Pflegestelle für Kitten. Er war von Anfang an zu süß! Mama nannte ihn Lancelot.Er hat sich von der ersten Minute an in unsere Herzen geschlichen. Zwar mopste er uns viele Streicheleinheiten von Mama, er war frech wie ein Großer, aber soooooo süß! Riesengroße Kulleraugen, die immer ein bisschen erstaunt guckten. Oder den perfekten Unschuldsblick drauf hatten. Er war total verfressen und nahm ziemlich zu. Wann immer es ging, war er draußen. Er machte immer wieder Löcher in das Schutznetz und entwischte aufs Dach. Uns blieb jedes Mal fast das Herz stehen, wenn er auf dem Dach mit irgendwelchen Brocken spielte und dabei dem Dachrand gefährlich nahe kam. Ich habe Mama immer gerufen, wenn er wieder abgehauen war und sie hat ihn mit Leckerlies immer wieder zurückholen können. Da war seine Verfressenheit echt nützlich!Er war durch nichts zu erschüttern. Seine Fröhlichkeit war ansteckend. Er liebte jeden von uns; auch Julchen konnte ihn mit ihrer Zickerei nicht erschüttern. Ganz im Gegenteil – er tat ihr wahnsinnig gut. Klar brummte und fauchte sie ihn an – aber wir alle wussten, das war nur Show. Er hatte eine unbändige Lebensfreude, die einfach jeden in ihren Bann zog, egal wieviele Beine der / diejenige hatte. Er hatte scheinbar unbegrenzte Energiereserven – er spielte, rannte, kletterte ständig irgendwo rum. Manchmal fiel er mitten im Laufen einfach um und schlief ein. Die ersten Male hab ich mich total erschrocken, weil ich dachte, er sei krank. Aber er war einfach nur müde und hatte es zu spät gemerkt. Also ließ er sich einfach fallen, wo er grade war, schlief eine Runde und spielte dann weiter. Als Mama ihn kastrieren ließ, stand er ein paar Stunden später schon wieder auf seinen vier Beinchen und wollte schon wieder rumrennen. Unglaublich… er war durch nichts aufzuhalten.Irgendwann war mir dieses Energiebündel aber zuviel. Wir hatten uns nur noch in der Wolle… also hat Mama wieder nach einer kleinen Katze geschaut. Wir drei haben uns für ein Katzenmädchen ausgesprochen – zwei Jungs, zwei Mädchen wären doch perfekt.Und so kam Lilly zu uns. Gott war die klein! Oh Mann war die niedlich! Ich war schockverliebt. Jule war schockverliebt. Mama war schockverliebt. Und Lancelot? Sie eroberte sein Herz im Sturm – und umgekehrt.Kennt Ihr dieses Gefühl wenn bei Tetris alles passt? Wenn Ihr das letzte Puzzlestück einfügt? Wenn Ihr einen magischen Moment habt? Die perfekte Sekunde? So war es, als Lilly kam. Wir fünf waren zusammen mehr als die Summe der Einzelteile. Wir waren perfekt. Wir waren unschlagbar. Wir standen füreinander ein. Wir liebten uns. Und dann hatte Lancelot diesen schrecklichen Unfall und musste über die Regenbogenbrücke gehen.Wir waren wie paralysiert. Die Zeit stand still. Wir waren tagelang atemlos. Wir konnten es nicht fassen. Wir machten uns Vorwürfe. Hätten wir es verhindern können? Hätten wir ihm helfen können? Hätten wir…? Uns allen fehlte der rechte Appetit, aber für Lilly war es am schwersten. Sie hatte ihren Seelenverwandten zu früh und zu grausam verloren. Sie fraß nicht, sie schlief viel zu viel, sie war völlig apathisch, sie kapselte sich ab, sie biss, fauchte und kratzte, sie pieselte überall hin… wir machten uns Sorgen um die Kleine. Weder Julchen noch Mama noch ich kamen an sie heran. Dann erwischte ich einen Moment, in dem sie etwas zugänglich war und Kuscheleinheiten von Julchen und mir brauchte. Ich nahm sie in meine Arme und putzte sie erst mal gründlich... ihr Fell war schon ganz stumpf. Ich merkte, wie sie sich ganz langsam ein wenig entspannte und losließ. Ich hielt sie einfach fest, versuchte, ihr etwas Wärme und Geborgenheit zu geben. Endlich antwortete sie wieder, wenn ich mit ihr sprach. Nach einer Weile erklärte ich ihr, dass Mama sich sehr große Sorgen um sie machte und Angst hätte, sie auch noch zu verlieren. Das hat die Kleine wohl ein wenig wachgerüttelt, denn ab diesem Zeitpunkt suchte sie wieder mehr Mamas Nähe und begann auch wieder mit dem Fressen.Kurz danach setzte sich Mama mit uns zwei Großen hin und fragte, ob wir es für sinnvoll hielten, einen neuen kleinen Kater zu holen, um Lilly abzulenken. Das fanden wir eine sehr gute Idee.Und so machte sich Mama schweren Herzens erneut auf die Suche nach einem kleinen Kater. Wie der Kleine zu uns kam, war irgendwie auch wie ein Wink des Schicksals. Mama hatte an diesem Tag schon in paarmal in Kleinanzeigenmärkten geguckt, ob jemand Kitten abgeben wollte. Beim letzten Mal stieß sie auf eine Anzeige, die erst 5 Minuten vorher eingestellt worden war. Sie schrieb den Leuten eine Mail, in der sie das Zuhause beschrieb, wo der kleine Kerl hinkommen würde. Zehn Minuten später rief die Besitzerin schon an, und drei Stunden später zog Louis bei uns ein.Ich muss zugeben, der Kleine war drollig. Irgendwie passten Beinlänge und Körper noch nicht so richtig zusammen, die Ohren waren riesig im Verhältnis zum Köpfchen und dem Gesicht nach hätte er auch in Flughund oder Füchschen sein können. Er hatte natürlich keinen leichten Stand am Anfang. Wir standen ja immer noch unter Schock, und wir trauerten auch noch. Aber der Kleine fand durch seine kindliche Unbeschwertheit sehr schnell den Weg in unsere Herzen. Auch hatte Mama ihm schon ganz in Ruhe erklärt, wie die Situation war.Nur bei Lilly hatte er es sehr schwer. Sie brummte, fauchte und haute ihn.Mit viel Geduld nahm Mama Louis die Angst, indem sie ihm immer wieder erklärte, warum Lilly so böse zu ihm war. Und mit genau so viel Geduld führte sie Lilly und Louis zusammen. Anfangs standen die Näpfe der beiden in unterschiedlichen Zimmern, und zentimeterweise schob sie sie jeden Tag ein bisschen näher zusammen. Sie füllte Katzenmilch in einen Doppelnapf, so dass die beiden die Möglichkeit hatten, gleichzeitig zu trinken, ohne dass eine Konkurrenzsituation auftrat und sie auf diesem Wege anfangen konnten einander zu vertrauen. Julchen zeigte auf einmal eine ganz neue Seite. Sie war ja eh schon sehr gelassen mit dem Neuzugang umgegangen, was ich zunächst darauf zurückführte, dass es für sie schon Gewohnheit war, dass all paar Monate jemand Neues kam. Aber sie schien den Kleinen wirklich gern zu haben. Sie spielte mit ihm, und sie putzte ihn sogar! Das hatte sie mit mir oder auch mit den anderen noch nie getan! Das war natürlich eine sehr große Hilfe. Auch ich half, wo ich konnte. Ich nahm den Kleinen in Schutz, ich erklärte ihm aus Katzensicht warum Lilly ihn nicht akzeptierte, ich sagt ihm, er müsse einfach ein wenig Geduld haben und, wenn er könne, besonders lieb zu ihr sein. Ich beruhigte Lilly, ich war für sie da, wenn sie weinen oder kuscheln wollte. Ich versuchte, mit beiden zusammen zu spielen, und ganz langsam näherten sie sich an.Und nun ist Ruhe eingekehrt. Ganz ehrlich – je älter Louis wird, desto mehr wird er charakterlich wie Lancelot. Er und Lilly spielen mittlerweile zusammen wie Lilly und Lancelot. Sie laufen überall zusammen hin. Nun hat Mama zwei Zuschauer, wenn sie zur Toilette geht *gnihihi. Nun laufen zwei kleine Katzen über die Arbeitsplatte in der Küche, wenn Mama kocht oder die Näpfe füllt. Jetzt hat Mama einen rechts und einen links von sich sitzen, die beide gekrault werden möchten. Aber wenn Ihr jetzt denkt, dass Lilly die Vorreiterin ist, habt Ihr Euch geirrt – Louis ist immer der Initiator. Zu lustig – der kleine Kerl rennt irgendwohin und wartet darauf, dass Lilly hinterherkommt. Er kullert Bälle zu Lilly, und die beiden starten ein Pfötchenball-Match. Sie futtern gleichzeitig, sie pennen gleichzeitig. Kuscheln tun sie zwar noch nicht, aber ich bin sicher, das kommt noch. Langsam passen auch die Proportionen an Louis´ Körper. Trotzdem kann ich mir immer noch nicht so recht vorstellen, dass er mal genauso groß sein wird wie ich. Und ich? Ich habe immer noch alles im Blick. Es ist einfach meine Natur, dass ich immer vermitteln möchte, und das passt auch ganz gut. Jule ist halt eine Diva und entsprechend schnell genervt, da muss ich öfters mal dazwischengehen. Lilly braucht immer noch viele Kuscheleinheiten von uns Artgenossen, und da Jule zu zickig und Louis noch zu klein ist, bin ich halt der Kuschlinator *grins*. Aber das bin ich gerne. Mama sagt immer, wenn ich ein Mensch wäre, wär ich in Sozialarbeiter.Jedenfalls bin ich froh dass nun endlich wieder Ruhe eingekehrt ist.Das war nun meine Geschichte. Ich hoffe, sie hat Euch gefallen!In Liebe, Euer Schröder

22.11.16 12:10

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